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Lukas (aus Oldenburg) | 2006/2007 | Argentinien

Meine Abreise

Am 1. August 2006 bin ich mit der Gewissheit aufgestanden, dass ich heute für ein Jahr zum Schüleraustausch nach Argentinien aufbrechen werde. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir auch noch unsicher, ob ich jetzt glücklich oder traurig sein sollte. Schließlich kannte ich meine Gastfamilie nur von ein paar Photos und E-Mails. Außerdem konnte ich kein Wort spanisch und somit war meine Unsicherheit doch schon sehr groß. Andererseits jedoch war meine Vorfreude auch schon riesig, denn schließlich hatte ich mir schon viele Gedanken über mein kommendes Jahr gemacht, so dass ich auch gewisse Vorstellungen hatte. Mit gemischten Gefühlen also, trat ich dann endlich die lang ersehnte Reise ins Land der 6 Kontinente an.

Meine ersten Wochen

Nach einem dreitägigen Vorbereitungsseminar von meiner Austauschorganisation YFU in Buenos Aires fuhr jeder einzelne Austauschüler dann zu seiner Gastfamilie. Mein Weg führte mich im Bus (aufgrund einer Eisenbahnkrise fahren nur noch vereinzelt Züge in Touristengebieten) ca. 6 Std. Richtung Norden bis nach Paraná, der 250 000 Einwohner großen Provinzhauptstadt, die auch am gleichnamigen Fluss liegt. Sie sollte also für knapp ein Jahr mein neues zu Hause darstellen. Dort angekommen wurde ich auch gleich total herzlich aufgenommen. Meine beiden Gasteltern sowie Gastgeschwister (Ignacio 13 und German 17) integrierten mich unglaublich schnell und schon nach kurzer Zeit war ich dann auch als vollständiges Familienmitglied akzeptiert, mit den gleichen Rechten und Pflichten wie meine beiden Gastbrüder. Der erste Höhepunkt erwartete mich knapp eine Woche später als dann mein langerwarteter erster Schultag in Argentinien anstand. Wie auch meine beiden Gastbrüder besuchte ich die katholische Privatschule ,,La Salle, in welcher, wie auch in allen anderen Schulen, das Tragen einer Schuluniform Pflicht war. Der Unterricht fand immer in Doppelstunden zu je 40 min statt. Um 7,15 Uhr musste ich in der Schule sein. Denn dann wurde vor allen Schülern die Nationalflagge gehisst und zeitgleich dazu das Fahnenlied gesungen. In der Schule war ich dann anfangs erstmals die große Attraktion, denn schließlich war ich der erste Austauschüler seit über einem Jahrzehnt an meiner Schule. Als noch unbekannter Ausländer wurde ich von Mitschülern belagert, die mich mit Fragen löcherten. Und das, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt kaum ein Wort verstand. Meine ersten Unterhaltungen bestanden dementsprechend auch aus einem Mix aus Spanisch und Englisch. Da ich den ,,sozialen Zweig besuchte, hatte ich auch für deutsche Verhältnisse eher seltsame, unbekannte Fächer, wie z.B. Psychologie, Philosophie oder Moralkunde. Gerade die ersten Wochen in Argentinien waren wirklich aufregend. Schließlich war alles neu für mich und ich musste mich erst einmal in der fremden Gesellschaft etablieren. Auch hatte ich noch vor der Abreise große Angst davor, keine Freunde zu finden und an dementsprechend großem Heimweh zu leiden. Doch es sollte alles anders kommen, als erwartet.

Fußball, Mate und unübertroffene Lebensfreude

Ich fand sehr schnell neue Freunde, was jedoch bei der Offenheit der Argentinier kein großes Problem darstellte. Außerdem trat ich in einen Fußballclub ein (was ich übrigens nur jedem empfehlen kann). Denn nur wer sich von der argentinischen Fußballbegeisterung anstecken lässt, wird erst richtig einen Teil der dortigen Kultur zu verstehen bekommen. Fußball ist in Argentinien mehr als nur eine einfache Freizeitbeschäftigung, sondern eine Leidenschaft, man könnte fast schon behaupten, Fußball ist dort die einzige Sache, die wirklich ernst genommen wird, und bei der die Argentinier keinen Spaß verstehen. Auch lernte ich bald das Nationalgetränk Argentiniens kennen und lieben, den Mate-Tee. Das ist eine Grünteeart, die aus einer Kalebasse mit einem Silberstrohhalm (bombilla) getrunken wird - und das zu jeder Tageszeit. Jeden Sonntag gab es dann auch noch das weltberühmte Asado zu essen. Als Asado wird das Grillen, meist Kilo schwerer Rinderstücke bezeichnet, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Neben einem stets warmen Mittagessen ist es in Argentinien auch üblich, nachmittags, nach einer ausgiebigen Siesta, sich noch einen Kaffee und dazu Gebäckstücke zu leisten, um damit den Hunger bis zum späten Abendessen (nach 22.00 Uhr) zu überbrücken. Da das dann meistens sehr groß ausfällt, ist man gewohnt, nur sehr wenig zum Frühstück zu sich zu nehmen. Meine Freizeit verbrachte ich fast immer zusammen mit meinen Freunden. Wir trafen uns im Park zum Mate trinken oder Truco spielen (argentinisches Kartenspiel). Oft haben wir auch einfach nur zahlreiche Runden im Auto gedreht, um zu sehen, was in der überschaubaren Kleinstadt denn so alles los ist. Abends ging ich dann meistens aus zum Feiern. Entweder ging es in die Disko, oder man traf sich in irgendeinem Haus, wo man bei der ersten Gelegenheit auch gleich zu tanzen anfing. Langweilig wurde es einem jedenfalls nie, denn die Argentinier finden immer einen Grund zu feiern und stecken einen mit ihrer unglaublichen Lebensfreude einfach an.

Sommerferien im Dezember

Als dann im Dezember auch noch die drei Monate langen Sommerferien anstanden, waren der Freude keine Grenzen mehr gesetzt. Nur die Hitze machte es einem bei über 40 Grad Celsius schon mal zu schaffen und Unterricht gleich unmöglich. Strand und Schwimmbad sorgten für Abkühlung. Außerdem gab es noch Tereré zu trinken. Das ist ein Mate, nur dass er anstatt mit heißem Wasser, mit kühlem Saft getrunken wird. Ein unvergesslicher Höhepunkt meines Austauschjahres stellte für mich Weihnachten bei knapp 40 Grad Celsius dar. Ich verbrachte den Tag zu Hause bei meiner Gastfamilie, wo um punkt 24 Uhr die Bescherung anstand. Danach gab es ein großes Feuerwerk. Nach der Familienfeier, traf sich dann jeder einzelne noch mit seinen Freunden, um die Nacht durchzufeiern. Der religiöse Hintergrund stellt dabei, trotzt des sehr hohen Anteils christlicher Bevölkerung (99%), überraschenderweise jedoch nur eine Nebenrolle dar. Außerdem nutzte ich die Sommerferien zum Reisen. So bin ich mit meiner Gastfamilie für zwei Wochen nach Brasilien (Florianopolis) gefahren, wo ich das Glück hatte, Neujahr am Strand bei über 30 Grad zu erleben. Des Weiteren habe ich mit meiner Austauschorganisation eine Rundreise in den Norden Argentiniens unternommen, die mich u.a. zu den beeindruckenden Wasserfällen von Iguazú, sowie in den überwältigen Nordwesten Argentiniens geführt hat, wo ich in den Genuss des Karnevals kommen durfte.

Der Abschied

Die letzten Monate in meinem Austauschjahr waren dann einfach unbeschreiblich. Ich konnte mittlerweile schon fließend spanisch und kam auch dementsprechend gut in der Schule zurecht. Die Zeit verging wie im Flug - und schon stand der Abschied an. Als ich etwa zwei Monate vor Abreise meine Flugdaten erhielt, konnte ich meine Tränen kaum verdrängen. Und als dann 11 Monate nach meiner Ankunft der Tag der Rückreise angekommen war, brachen alle Dämme. Meine argentinische Familie sowie meine zahlreichen Freunde, die ich so ins Herz geschlossen hatte, begleiteten mich zum Busbahnhof, wo dann der Augenblick gekommen war, vor dem ich mich lange Zeit so gefürchtet hatte -

Der Abschied vom Schüleraustausch

Es ist kaum zu beschreiben, was sich dann dort abgespielt hat. Alle Anwesenten brachen in Tränen aus, keiner wollte mich gehen lassen. Das war der wohl traurigste Moment meines Lebens, aber glücklicherweise war ich ja nicht alleine. Alle Austauschschüler von YFU trafen sich dann noch für zwei Tage in Buenos Aires. Von dort ging es dann mit unvergesslichen Erinnerungen im Gepäck zurück nach Deutschland. Im Rückblick auf ein tolles Jahr kann ich nur eines sagen: Mir hätte nichts Besseres passieren können, denn dieses Jahr hat mir viel mehr gegeben, als nur eine neue Sprache. Ich habe eine zweite Familie gefunden, sowie viele neue Freunde. Und eines ist sicher. Ein großer Teil von mir ist in dem Land geblieben, das ich habe lieben und schätzen gelernt - Argentinien. Zu guter Letzt kann ich nur jedem empfehlen, auch ein Austauschjahr zu machen, denn die Erfahrungen, die man mitnimmt, sind einmalig und unglaublich vielfältig. Eine fremde Kultur kennen zu lernen ist eine wirklich spannende Sache, die ich auf diese Weise wohl nicht mehr erleben werde und von der ich froh bin, sie gelebt zu haben. Mein Dank gilt ganz besonders meiner Austauschorganisation YFU, die mir diese Erfahrung erst möglich machte, sowie meinen zahlreichen Argentinischen Freunden, die ich tagtäglich vermisse. Wer nähere Infos zu meinem Auslandsjahr wissen möchte, der kann sich gerne mit mir in Kontakt setzten.

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