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Sarah Malaise | 2002/2003 | Argentinien / Provinz Tucuman

Hilfe, ich verstehe nichts

Veitydos, veintitres, veintiquatro.... „Sorry, I don´t know!" Na das ging ja schon mal gut los. Das sassen wir nun, gerade vom Flughafen abgeholt, alle am 2. August 2002 im Bus und sollten durchzählen, ob alle da sind. Und das auf SPANISCH! Leider konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch kein Wort Spanisch, somit konnte ich auch nicht sagen, dass ich Nr. 25 (veinticinco) bin! Die Sache mit der Sprache, die ich Deutschland noch so auf die leichte Schulter genommen habe („Ach, das lerne ich schon noch“), erwies sich in den ersten vier Wochen mehr als schwierig. Nachdem wir dann alle in Buenos Aires, nach 14 Stunden Flug angekommen sind, ging´s erstmal zum Orientation Camp, etwas abseits von Buenos Aires. Es war ganz nett alle Austauschschüler (mehr als 60) kennen zu lernen, sonst hat es aber nicht so viel gebracht, da alle sehr müde von dem langen Flug und der Zeitumstellung waren.

Erste Infos über meine Gastfamilie

Allerdings hab ich endlich nach acht (!) Monaten des Wartens genauere Informationen sowie Fotos über meine Gastfamilie bekommen. Bereits in Deutschland, zehn Tage vor meinem Abflug, hatte ich die Adresse mit Telefonnummer und der Auskunft über Beruf und Alter meiner Gasteltern Magda und Luis (60 und 61, beide Rentner) und meiner 15-jährigen Gastschwester Florencia bekommen. Das Telefonat erwies sich allerdings als reine Geldverschwenderei, da es auf Grund „mangelder“ Sprachkenntnisse gar nicht zu einem Gespräch kam!

18-stündige Busfahrt in meine neue Heimat

Nach dem rund zweitägigem Orientation Camp mit kleiner City-Tour durch Buenos Aires ging es dann mit fünf anderen Austauschschülern (je einer aus Deutschland, Österreich und Holland sowie zwei Belgiern) auf die 18-stündige Busfahrt hoch in den Norden, in die kleinste Provinz Argentiniens, nach Tucuman! Dort sollte ich zusammen mit Annelies, der Holländerin, mein Austauschjahr in Monteros (mit 30.000 Einwohnern) verbringen. Zuerst waren wir alle reichlich genervt, dass wir nicht, wie viele andere ATS fliegen, sondern mit dem Bus in unsere Provinz fahren würden, aber kaum in den Bus eingestiegen, hatte sich das schon wieder geändert, solche Busse hatte noch keiner von uns gesehen. Die Sitze waren so gross, dass sie einem Wohnzimmersessel schon sehr nahe kamen und am Vordersitz war eine Fusslehne zum Runterklappen befestigt, so dass man, wenn man die Fusslehne und die Rückenlehen zurück klappt, ein richtiges Bett hat. Danach kam dann die „Stewardess“, die erst die Vorspeise und dann das Hauptgericht gebracht hat, dazu endlos Cola, was die Argentinier immer trinken (Wasser, Cola oder Bier, andere Sachen scheinen sie kaum zu kennen!). Nachdem Essen wurde dann der Fernseher angestellt, wo es dann Spitzenfilme auf Spanisch gab, aber da ich ja nichts verstanden hab, bin ich gleich eingeschlafen und bin erst am nächsten Morgen in Santiago del Estero aufgewacht, wo die ersten beiden ATS aussteigen mussten.

In dieser Hütte soll ich ein Jahr lang leben?

Jetzt noch drei Stunden und ich werde auch bei meiner Gastfamilie ankommen. Naja, und dann war es so weit. Nachdem ich zuerst Florencia und zwei ihrer Freunde begrüsst hab (mit Küsschen auf die Wange), hab ich dann auch den Mann, der neben ihnen stand, umarmt, in dem festen Glauben, dass das mein Gastvater sein muss. Scheisse, Eigentor! Das war ein fremder Mann, der da nur zufällig so rumstand, mein Gastvater war noch beim Autoeinparken. Wie peinlich! Meine Gastmutter war nicht mit zum Busbahnhof gekommen. Nach ein paar Begrüssungsworten auf Englisch ging es dann mit fünf Leuten und meinem ganzen Gepäck in den kleinen Golf. Ob und was wir während der Fahrt geredet haben, weiss ich nicht mehr. Ich weiss nur noch, dass es die ganze Fahrt über nichts zu sehen gab, weil halt nichts da war ausser der Strasse. Und das war nun die Provinz Tucuman mit der zweithöchsten Bevölkerungsdiche neben Buenos Aires. Nach endlosem „Nichts“ kamen wir dann in einer kleinen, hässlichen, dreckigen und stinkigen Stadt an. (Meine erste Reaktion war der Kulturshock, wie ich aber erst später gemerkt habe!) Nachdem ich dann mein neues "Haus“ gesehen habe, kam der zweite Schock. In dieser Hütte sollte ich ein Jahr lang leben?

„Sarah, wir sind ein Land der Dritten Welt“

Als wir dann allerdings reingegangen sind und mir ein buntes Plakat mit „Welcome Sarah“ entgegen kam, sah die Welt schon nicht mehr sooo düster aus. Allerdings ging mir der ewig bellende Hund (in Argentinien hat jeder mindestens einen Hund) schon nach fünf Minuten auf die Nerven. Danach wurde mir mein Zimmer gezeigt, was ich mir mit Florencia teilen sollte. Es war ziemlich kahl und kalt, ohne Teppich (nur Beton) und ohne Tapeten, alles war mit Grafitti voll gesprüht. Meine Gastmutter war komischer Weise noch nicht da, irgendwo einkaufen. Also bin ich erstmal unter die Dusche geflüchtet und habe nur noch geheult. Warum wusste ich eigentlich auch nicht so genau, es gab keinen richtigen Grund, ich hab mich einfach nur total unwohl gefühlt und es war sooo kalt, es war August, also Winter in Argentinien. Es gab keine Heizung und kaum warmes Wasser. Dann hab ich auch endlich meine Gastmutter kennengerlernt, sie war total sweet, auch wenn ich sie nicht verstanden habe. Jedenfalls hat sich mich mit dem Satz „Sarah, wir sind ein Land der Dritten Welt“ begrüsst. Nachdem Essen bin ich dann erstmal für den Rest des Tages schlafen gegangen.

Die ersten Tage in der Schule

Am nächsten Tag bin ich dann auch gleich zur Schule, weil ich unbedingt unter Leute kommen wollte. Es war alles etwas merkwürdig, der Schulleiter war nicht da und es schien, als ob keiner was von mir wusste. Also bin ich dann in die selbe Klasse wie Florencia gegangen, wo mich aber keiner beachtete, noch nicht mal die Lehrerin. Nachdem dann schon ein paar Stunden vorbei waren, hab ich dann den ersten Leuten meine Fotos aus Deutschland gezeigt, die waren zwar sehr interessiert, allerdings konnte wirklich niemand Englisch sprechen, ausser meiner Gastschwester, die es privat gelernt hatte. So ging es dann ein paar Tage weiter. Zuhause habe ich mich unwohl gefühlt, mit meiner Gastschwester kam ich auch nicht wirklich gut klar, meine Gasteltern hatten eine Ehekrise und haben nicht zusammen gesprochen und in der Schule lag ich mit meinen 14- und 15-jährigen Mitschülern auch nicht wirklich auf einer Wellenlänge, da sie doch noch sehr jung waren. Dazu kam, was ich aber erst später gemerkt habe, dass Florencia keine Freunde hatte und in der Schule nicht besonders angesehen war.

Klassenwechsel

Naja, so habe ich dann nach einer Woche beschlossen, die Klasse zu wechseln, was auch kein Problem war. Von nun an war ich einen Jahrgang höher und hatte nachmittags Schule, so dass ich Florencia nicht ständig sehen musste. Jetzt wurde in der Schule alles besser, aber die Situation zu Hause wurde immer schlimmer. Ich habe mit meiner Schwester geredet und ihr erklärt, dass ich eigene Freunde finden will und nicht ständig zu Hause rumsitzen möchte (das Gespräch war auf der Strasse). Und daraufhin antwortete sie mir, als ich gerade mal neun Tage in ihrer Familie war: „When we are at home, I will call AFS that they should look for another family for you.“ Nun war ich baff und mal wieder in absoluter Heulstimmung. Aber zum Glück gab es ja noch meine Gasteltern und dank ihnen kam es zu keinem Gespräch mit AFS und ich blieb vorerst bei dieser Familie. Am nächsten Tag tat Florencia dann wieder so, als wäre nie was gewesen und von nun an lebten wir vor uns her, ohne viel zu reden und wir verstanden uns mal mehr und mal weniger gut. Die Schule war ziemlich langweilig, da auch dauernd gestreikt wurde, weil die Lehrer nicht bezahlt wurden, aber mit meinen neuen Mitschülern habe ich mich immer besser verstanden und mich auch oft mit ihnen nach der Schule oder abends getroffen.

Reisen und Fiestas

Am 8. September habe ich meine erste Reise mit AFS gemacht, die eine Woche lang dauerte und durch drei Provinzen ging. Wir besuchten zwei Nationalparks (La Rioja und San Juan) und in den Bergen lag Schnee! Es war eine unvergessliche Woche. Als ich wieder in Monteros war, war die Situation nach wie vor unverändert. Ehekrise meiner Eltern und auch mit Florencia alles beim Alten. Diese Woche war jetzt „Woche der Schüler“ in Argentinien und es gab jede Menge Fiestas und wenig Schule. In der Schule bin ich mehr oder weniger freiwillig zu der Wahl der Königin der Schule angetreten, weil ich irgendwann „si“ gesagt habe, nachdem alle auf mich eingeredet haben. Am Ende wurde ich aber doch nicht die Königin. Am 24. September bin ich dann schon wieder auf die nächste Reise bin AFS gefahren, auf das „Get together 2002 in Cordoba“. Bei einem Get together kommen alle Austauschschüler aus einer bestimmten Region zusammen, reden, spielen, besichtigen Sehenswürdigkeiten und feiern. Auch diese Reise dauerte eine Woche und alles wurde von AFS bezahlt. Und dann ging der ganz normale Alltag weiter, aber das nur für kurze Zeit, weil ich dann mit der Schule nach Bariloche, dem Klassenfahrtsort gefahren bin. Nach 36 Stunden sind wir endlich angekommen und es war lausig kalt mit Schneestürmen. Alle, bis auf Annelies und ich, waren total aus dem Häuschen, weil sie das erste mal in ihrem Leben Schnee gesehen haben. Es war eine tolle Woche mit viel Party, Skilaufen, Reiten, Kart Fahren im Schlamm und noch mal Party.

Familienwechsel

Kaum war ich nach zehn Tagen wieder zu Hause, wurde ich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Als Florencia mal nicht da war, habe ich mich auf die Suche meinen schon lange verschollenen Ohrringen begeben. Ich habe sie zwar nicht gefunden, aber dafür eine Menge anderer Sachen von mir, die ich noch gar nicht vermisst hatte. Und nicht zuletzt fehlte mir diesen Monat auch eine ganze Menge Geld. Ausserdem wurde die Kakerlakenplage in meinem Haus immer schimmer. Als ich Florencia auf die fehlenden Gegenstände angesprochen habe, wollte sie von alldem nichts wissen und meinte, ich hätte die Sachen ja nur in ihre Schublade getan um ihr Probleme zu machen. Naja, das Ende vom Lied war dann, dass wir heftig gestritten haben und abends bei einem Gespräch mit der ganzen Familie auch nichts rausgekommen ist und dass ich nun die Familie wechseln werde - hier halte ich es jedenfalls nicht länger aus. Ich habe dann mit meiner AFS-Betreuerin (der besten der Welt) gesprochen und nach fünf Tagen hatte ich schon eine neue Familie.

Der Sommer beginnt

Von nun an hatte ich tolle Gasteltern (50 und 53 Jahre) sowie drei kleine liebe Geschwister (acht, neun und zehn Jahre), wovon die beiden Kleinsten adoptiert sind. Ich habe mich vom ersten Tag an mit allen gut verstanden und mich wie zu Hause gefühlt. Ausserdem stand jetzt fest, dass meine Eltern aus Deutschland mich im Februar für zwei Wochen besuchen und ich mit ihnen auf eine kleine Rundreise gehen werde. Mit meiner neuen Familie hab ich nun fast jedes Wochenende etwas unternommen und es war einfach klasse. Jetzt fängt langsam der Sommer an und es ist verdammt heiss. Am 8. Dezember (das ist Tradition) haben wir den Plastiktannenbaum aufgestellt, es gab Zeugnisse (da das Schuljahr hier von März bis Dezember geht) und die gut dreimonatigen Ferien haben angefangen.

Weihnachten bei 30 Grad

Nun rückte Weihnachten immer näher, aber bei weit mehr als 30 Grad hatte ich absolut keine Weihnachtsstimmung. Am 21.12. hatte dann meine Gastmum Geburtstag. Es gab eine große Feier mit einer Band, die auf Buschtrommeln gespielt hat. Und jetzt zwei Tage vor Weihnachten ist auch endlich meine andere Gastschwester nach Argentinien gekommen, die aber schon ewig in der Schweiz lebt. Und dann war Weihnachten. Morgens habe ich mir den schlimmsten Sonnenbrand in meinem ganzen Leben gehohlt und bis abends um acht Uhr hatte ich meine Gasteltern heute noch nicht gesehen.Später am Abend kamen dann mein Onkel und meine blinde Gastoma und wir haben gegessen. Um punkt Mitternacht haben sich dann alle wie die Verrückten auf die Geschenke gestürzt, ich habe einen Sombrero für unseren Strandurlaub im Januar bekommen. Danach sind wir auf die Strasse gerannt und es wurde geknallt wie an Silvester. Später hat mich meine beste Freundin abgeholt und wir haben uns mit den anderen Mädels getroffen. (Mädchen und Jungen gehen hier nie zusammen los). Wir sind dann Tanzen gegangen und erst als die Sonne schon wieder auf ging bin ich nach Hause gekommen.

Halbzeit

Den ersten Weihnachstag habe ich dann verschlafen! Silvester sind wir alle nach Buenos Aires gefahren und ich lernte die ganze Familie meines Gastvaters kennen. Silvester hier ist fast das Gleiche wie Weihnachten, nur ohne Geschenke. Bis zum 6. Januar sind wir in Buenos Aires geblieben und danach für eine Woche nach Mar del Plata an den Strand gefahren, was sehr schön, aber nicht wirklich erholsam mit meinen kleinen Geschwistern war, weil sie sich wie immer den ganzen Tag gestritten haben. Danach war ich wieder zwei Wochen in Monteros und besuchte anschließend Silvina. Sie war ein Jahr in Deutschland in meinem Komitee. Bei der Gelegenheit habe ich gleich noch Alejandro besucht, der ein halbes Jahr in meiner Klasse in Deutschland war. Es war eine tolle Woche mit jede Menge Fiestas, wie immer in Argentinien. Jetzt am 4. Februar war schon mein erstes halbes Jahr hier um und mir bleiben noch gut fünf Monate um hier alles zu geniessen: Meine Gastfamilie, meine Freunde, die anderen Austauschschüler, schöne Reisen, die Fiestas, die Sonne, den Mate und das wirklich sehr, sehr gute Essen!

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