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Pressespiegel Schüleraustausch

Fragen an:
Christian Gundlach, Marketingleiter der Landesbühne Hannover und Buchautor


Haben Ihre Eltern Sie zur High School in die USA geschickt?
Nein, ich war mit 17 Jahren neugierig genug, das selbst zu wollen. Meine Eltern waren nur daran beteiligt, Geld dafür aufzutreiben. Wer an einem der vielen Austauschprogramme teilnimmt, muß mit hohen Gesamtkosten rechnen. Das Programm selbst kostet etwa 11.000 DM. Darin enthalten sind jedoch Flug, Versicherungen und organisatorische Leistungen. Die Gastfamilie bekommt nichts. Auch wenn die ganze Sache Austauschprogramm heißt, läßt sich von Gegenseitigkeit nicht wirklich reden. Wenige US-Amerikaner wollen Auslandserfahrung in der Ausbildung machen.

Was war besonders anstrengend?
Die ersten Wochen. Ich mußte neue Regeln kennenlernen. Allerdings hatte ich sehr aufmerksame Gasteltern, so dass von einem Kulturschock zunächst keine Rede sein konnte. Merklich – sagen wir einmal – unangenehm wurde es erst nach ein paar Monaten, als die Vorsicht im Umgang miteinander eher einer Routine wich und ich damit begann, die gesetzten Grenzen neu auszuprobieren.

Beispiele bitte.

Als Jugendlicher kann man abends nicht so einfach nach draußen gehen, eine Kneipe besuchen, vielleicht sogar ein Bier trinken. Wenn ein Jugendlicher mit einer Bierfahne erwischt wird, dann fährt er in der Regel gleich nach Haus. Erklärungen, die Bitte um Verständnis, weil so etwas in Deutschland möglich ist, nützen dann nichts mehr. Auch schließt man im Hause nicht einfach die eigene Zimmertür, um möglicherweise einfach mal allein zu sein – übrigens mit einem Mädchen schon überhaupt nicht. Für unsere Verhältnisse sind die Bürger in den Kleinstädten, wo die meisten Austauschschüler hingehen, unglaublich prüde.

Wie sind Sie mit Grenzen umgegangen?
Ich habe die Regeln eingehalten. Eine andere Möglichkeit gibt es praktisch nicht. Schließlich ist man Gast und sollte sich den Gepflogenheiten dort anpassen. Ich hatte allerdings auch das Glück, mit meinen Gasteltern darüber reden zu können. Das dürfte bei vielen anderen Gastfamilien unüblich sein. Zum Beispiel bin ich mit in die Kirche gegangen, obwohl ich eigentlich nicht so viel damit am Hut habe. Kirche ist in den US-Kleinstädten jedoch oftmals das Zentrum des Gemeindelebens; der Glaube steht nicht unbedingt im Mittelpunkt. So etwas muß man erst verstehen, um angemessen damit umgehen zu können.

Was haben Sie aus den USA mitgenommen?
Ein viel zu hohes Körpergewicht. Das kam daher, dass in amerikanischen Familien abends früh noch warm gegessen wird. Danach, bis 22 Uhr, wenn man wieder hungrig ist, isst man eben Snacks. Wirklich wichtig war jedoch, gelernt zu haben, wie man sich andere Perspektiven aneignet. Beispielsweise entstand ein anderer Umgang mit der deutschen Geschichte. Für uns war die Berliner Mauer ein Schreckenssymbol. Die US-Amerikaner haben Sie nüchterner gesehen, als Mauer, über die man klettern, die man abtragen kann. Vielleicht lag es auch nur daran, dass die USA viel weiter weg von dieser Grenze lag. Etwas anders hat mich noch beeindruckt: Schulische Leistung wird von sofort an besser belohnt und stärker unterstützt.

Haben Sie heute noch Kontakt zur Gastfamilie?
Wir haben uns bisher wenigstens einmal im Jahr gesehen, und das seit 12 Jahren.

Mit Christian Gundlach sprach Ralf-Günther Münchow
Hannoversche Allgemeine Zeitung, 30. Oktober 1999


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