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Pressespiegel Schüleraustausch

Financial Times Deutschland, 2.2.2001

Ein Jahr in den USA als Karrieregrundstein

Bundesregierung will Gütesiegel für Schüleraustausch schaffen
Von Sylvia Schill

Computer waren in Deutschland kein Thema, damals. Aber wer 1984 in Amerika die Augen aufhielt, dem war klar, dass hier die Zukunft lauerte. Marco Börries bemerkte während seines Jahres als Austauschschüler in Silicon Valley, wie schnell und leicht man "mit der richtigen Software Geld verdienen" kann. Als er zurück kam, gründete er die Softwareschmiede Star Division. Das Startkapital für seine Garagenfirma: 2000 DM - ein Geschenk zur Konfirmation. Börries war damals 16 Jahre alt. Der USA-Aufenthalt wurde für den jugendlichen Entrepreneur zum Karriere-Startschuss.

Börries ist keineswegs der Einzige. Ohne ihr Jahr in Dickinson, North Dakota, hätte sie ihr Talent zum Moderieren vielleicht nie entdeckt, sagt Bärbel Schäfer. Die Austauschschülerin wurde in lokale TV-Shows eingeladen und begeisterte dermaßen, dass sie gleich siebenmal vor der Kamera stand. "Sich in neue Situationen einfinden, Toleranz lernen, den eigenen Horizont zu erweitern, dass ist die größte Chance, die man überhaupt kriegen kann," meint Bärbel Schäfer. Das ehemalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Ulrich Weiss, ist noch heute dem Schüleraustausch verbunden. Er unterstützt die Organisation AFS, weil ihm in seinem Jahr in Amarillo, Texas bewußt wurde, "dass man fast alles anders machen kann, als ich es von zu Hause her gewöhnt war. Dies weckt Interesse und Verständnis für das ganz Andere und fördert die eigene Bereitschaft zur Veränderung."

Mit Herzklopfen und Abschiedstränen in den Augen reisen jährlich etwa 14.000 deutsche Schüler ins Ausland, um dort ein ganzes oder ein halbes Schuljahr zu verbringen - Tendenz steigend. Einige Wagemutige bevorzugen so exotische Länder wie China, Bolivien oder Japan. Die mit Abstand meisten zieht es in die USA.

Das Amerika-Jahr verleiht nicht nur der Englisch-Note Auftrieb, sondern hilft auch nach der Schule - eine vernünftige Option auf die Zukunft. International agierende Konzerne legen Wert auf Auslandserfahrung, interkulturelle Kompetenz sowie Eigeninitiative. Fähigkeiten, die in Seminaren trainiert werden müssen - beim Schüleraustausch dagegen "nebenbei" erlernt werden.

Die Zeitspanne, in der Jugendliche ein Schuljahr in den USA verbringen können, ist kurz. Sie bietet sich Schülern im Alter von 15 bis 18 Jahren. Sie besuchen die Schule und leben bei einer Gastfamilie. Mehr als 50 Organisationen in Deutschland vermitteln solch ein Schuljahr in den USA, das im Durchschnitt etwa 13.000 DM kostet. Darin enthalten sind die Vorbereitung, Reisekosten, Schulgebühren, Unterbringung sowie Verpflegung bei einer Gastfamilie. Die tatsächlichen Leistungen sind aber sehr unterschiedlich.

Viele Organisationen sparen zum Beispiel abn der Vorbereitung der Schüler auf den Auslandsaufenthalt. Das Spektrum reicht von dreistündigen Vorbereitungstreffen mit 100 Teilnehmern bis hin zu einwöchigen Seminaren mit Individualbetreuung.

Wer nur das "Kurz-Programm" bekommt, muss sich auf unliebsame Überraschungen gefasst machen. Einen "Horrorfilm" nennt eine Mutter ihre Erfahrungen mit dem Gastschülerprogramm. Ihr Sohn, ein 17-jähriger aus Marl, war bei einer strenggläubigen Baptistenfamilie untergebracht und kam mit deren Lebensweise nicht zurecht. Bei einem anderen Teilnhemer hätte eine Geschenkpackung "Mon Chéri" beinahe zum Rausschmiss aus der Gastfamilie geführt: Die Religion der Familie verbot jeglichen Alkoholgenuss, auch bei Pralinen.

Solche Probleme tauchen häufig dann auf, wenn die Schüler ungenügend informiert wurden und nicht in der Lage waren, sich auf das andersartige Leben einzustellen. Regelmäßige Besuche in der Kirche oder strenge Disziplin an den Schulen - wie in den USA üblich - treffen die Teilnehmer häufig unvorbereitet. Auch das Bewußtsein über die wirtschaftliche Situation des Gastlandes kann fehlen: Die Schere zwischen Arm und Reich klafft in den USA weit auseinander. Deutsche Schüler erwartet oft ein sozial schlechterer Status als sie von zu Hause gewohnt sind.

Dies kann durch gute Informationen ausgeglichen werden, aber unbefriedigend ist die rechtliche Situation: "Etwa die Hälfte der Anbieter," stellt Branchenkenner Christian Gundlach fest, "nutzen bereits das Bewerbungsformular zum späteren Vertragsabschluß. Die allgemeinen Geschäftsbedingungen sind meistens irgendwo in der Werbebroschüre abgedruckt." Vereinzelt blieben den Schülern nur ein bis zwei Tage Zeit, ihre Koffer zu packen, wenn die Gastfamilienadresse feststand - eine auch für Eltern unerträgliche Situation.

Wolfgang Börnsen, im Bundestag vertraut mit Internationalen Austauschprogrammen, will solche Missstände abstellen. Börnsen regte an, den qualitätsbewussten Austausch-Organisationen ein "Gütesiegel" zu verleihen. Eine gute Idee, "doch leider zu komplex", bedauert Börnsen. Das Bundesjustizministerium nutzt jetzt den Gesetzestext im Reiserecht, um Austauschschüler vor windigen Organisationen zu schützen. Ihre Vertreter haben in Zusammenarbeit mit Austauschorganisationen und Fachverbänden eine neue Fassung erarbeitet, die voraussichtlich im Februar dem Kabinett und danach den Ländern vorgelegt wird.

 

Geplante Änderungen in Stichworten

Eindeutige Vertragsregelung:
Nach erfolgreicher Bewerbung wird ein Vertrag ausgehändigt, der erst mit Unterschrift der Eltern rechtskräftig ist.

Die Anschrift von Familie und Betreuer im Gastland muß zwei Wochen vor Reisebeginn vorliegen:
Diese Regelung sagt allerdings nichts über den Zeitpunkt aus, an dem diese Daten feststehen sollten.

Vorbereitungsarbeit:
Sie muß so gestaltet sein, dass die Schüler über die Eigenheiten des Gastlandes informiert sind und wissen, wie sie damit zurechtkommen können.

Zusammenleben von Schülern und Gastfamilie:
Die Gastfamilie muß in der Lage sein, den integrationswilligen Schüler angemessen zu betreuen.

 


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