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Erfahrungsbericht

Silke Jahr in Argentinien (Teil 2)

Kurzinfo:
Name: Silke (aus Bremen)
E-Mail: erfahrungbericht@schueleraustausch.de
Austauschort: Argentinien / Posadas
Austauschjahr: 2000/2001

Inhalt:

 

Meine neue Heimat

Ups, das war ja alles schon ziemlich lang, aber ich denke mal, das sind Sachen, die euch auch ein bisschen Angst machen, oder euch interessieren, wenn ihr ein Jahr nach Argentinien wollt. Und ab dem Morgen wurde auch alles etwas entspannter. Ich habe zwar erst mal einen Anflug von Heimweh bekommen, aber das hat sich schnell gelegt, als ich mit Adriana an die Costanera gefahren bin. Die Costanera ist eine Straße, eine Art Flusspromenade am Río Paraná, der Fluss der Argentinien von Paraguay teilt. Man konnte von dort aus auch nach Paraguay rüberkucken und über eine Brücke rüberfahren. Man trifft sich an der Costanera, um Mate (argentinischer Tee) oder Tereré (kalten Mate mit Saft) zu trinken und Leute zu treffen. Dort hab ich alle noch einmal wiedergetroffen, die ich am Abend vorher kennengelernt habe und noch ein paar mehr. Es war dort total schön und vor allem warm, ca. 25°C, obwohl es grad "Winter" in Argentinien war..
Am Tag danach war mein erster Schultag, alle haben mich total lieb aufgenommen, manchmal hatte ich das Gefühl, die wären am liebsten auf mich draufgesprungen, weil sie sich so gefreut haben. Sie haben mich ausgefragt nach Deutschland, was ich so mache, usw. Am wichtigsten waren allerdings immer noch die Fragen nach Alkohol, Rauchen, Party, Freund und Musik. Ich war auf einer Privatschule, weil meine Gastgeschwister dort auch hingingen, und deshalb musste ich auch nichts bezahlen. Meine Familie hatte das so mit der Direktorin abgemacht. Achja, was auch viele interessiert, ist ob man dort eine Schuluniform tragen muss: in eigentlich allen Schulen ist es Pflicht. Ich hatte zu dem Zeitpunkt einen rot-grau-weiß-karierten kurzen (sehr kurzen) Faltenrock, rote Kniestrümpfe, eine weiße Bluse, bzw. Polohemd mit Schulabzeichen und lederne Halbschuhe. In meiner Schule durfte man aber sonst auch in Jogginghose und Polohemd in Schulfarben kommen, auf der Privatschule war es etwas lockerer, wenn man pünktlich sein Schulgeld bezahlte.. :o)
In den nächsten zwei Monaten hab ich mich total wohlgefühlt, viele neue Freunde gefunden und viel Spaß gehabt. Jeden Freitag und Samstag war ich mit Adriana und meinen neuen Freunden in der Disko und Sonntagsnachmittags an der Costanera. Von den Diskos kann ich nur erzählen, es ist das BESTE, das es auf dieser Welt gibt. Die argentinische Musik ist ganz anders als hier, man tanzt viel mehr und man tanzt vor allem immer in Paaren. Das war am Anfang etwas ungewohnt, wenn einen ständig irgendwelche fremden Jungs oder Männer auffordern und man dann mit denen tanzen muss. Aber wenn man es erst mal einigermaßen kann, macht es total Spaß. Woran man sich auch gewöhnen muss, ist das ständige Küsschengeben zur Begrüßung (in Posadas immer 2, in anderen Teilen Argentiniens meistens 1). Ich weiß, in Deutschland machen das auch viele, aber in Argentinien ist es etwas krasser. Man muss JEDEN so begrüßen. Ich habe in den ersten 3 Monaten bestimmt 200 Leute geküsst, die ich noch überhaupt nicht kannte. Und sobald dich jemand nur mal irgendwo gesehen hat, kommt er nächstes Mal an und begrüßt dich und erzählt dir erstmal einen.. :o)

Der traurige Teil "meines" Jahres

Nach zwei Monaten fing ich an zu merken, dass Adriana ein bisschen eifersüchtig auf mich war, weil ich mich auch gut mir ihren Freunden verstanden habe, und Daniela (meine kleinere Schwester) war es schon die ganze Zeit, von ihr hatte ich immer das Gefühl, sie würde mich hassen. Mein kleiner Bruder (13) hat sowieso nie mit mir geredet, obwohl er es gewesen war, der mich "ausgesucht" hatte, weil er meinte, ich sähe auf dem Foto in meinen Unterlagen so nett und schön aus. :o) Wie dem auch sei, ich habe mich nicht mehr gut, mit meiner Familie verstanden, aber ich habe mich auch nicht getraut zu wechseln, weil ich nicht noch einmal ganz von vorne anfangen wollte. Ich dachte, ich hätte schon gute Freunde gefunden und das es dumm wäre, jetzt noch mal anzufangen. Bis zum Dezember bin ich in meiner ersten Familie geblieben, war auf meinem Abschlussball von der Schule und eigentlich war es nur noch ein einziges Feiern, weil meine Klasse im Dezember mit der Schule fertig war.
Aber ich kann euch sagen, dass ich einfach total unglücklich war in dieser Zeit, ich wollte immer nur jemanden finden, dem ich das alles erzählen könnte und der mich in den Arm nimmt. Ich hatte zwar Freunde, aber das waren ja auch alles Freunde meiner Gastschwester, denen wollte ich nicht von Problemen mit ihr erzählen. Im Dezember hatte ich dann endlich die Chance, mich bei jemandem auszuheulen, ich habe meine allerbeste Freundin aus Deutschland besucht, die ein Jahr in Paraguay war. Es waren echt schöne Tage mit ihr, aber umso trauriger, als es vorbei war und ich zurück musste zu meiner Gastfamilie..
Ende Dezember kam dann der große Schlag: Meine Gastmutter erzählte mir, dass die ganze Familie in 2 Wochen nach Miami ziehen würde und ich mir nun eine neue Familie suchen müsste. Ich hab meine Betreuerin angerufen und sie meinte nur, ups, das hätte sie ja total vergessen, ja, dann müsste sie wohl jetzt ganz schnell eine neue Familie für mich suchen. Ich sollte zuhause bleiben, damit sie mich erreichen könnte. Und das im schönsten Sommer, jeden Tag waren es 35°-40°C und ich hatte 3 Monate Sommerferien. Sie rief nicht an in den nächsten drei Tagen und weil ich mir allmählichen Sorgen machte, versuchte ich es nochmal bei ihr. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie die alte Hexe mich angemacht hat, sie hätte eh keinen Bock mehr auf mich, und ich könnte ja nicht verlangen, dass sie mir eine neue Familie sucht ("mach doch selber"). Am liebsten wäre ihr, wenn ich in eine andere Stadt gehen würde, ich würde ihr ja sowieso nur Probleme machen und sie hätte jetzt dem Büro in Buenos Aires Bescheid gesagt, die würden sich kümmern. Als die mich anriefen und ich ihnen meine Probleme mit meiner Betreuerin geschildert hatte, meinten sie auch nur, dass die Frau ja wohl spinnen würde und das alles nicht so schlimm wäre, se hätten schon eine neue Familie für mich in Posadas gefunden.

Meine neue Gastfamilie, ein "richtiges Zuhause"

Am 22.12. bin ich dann zu meiner neuen Familie umgezogen, dort hatte ich natürlich zwei liebe Gasteltern (Mima und Carlos, beide Lehrer an der Uni), eine Gastschwester (Natasha, 15) und drei Gastbrüder (Carlitos, 13; Daniel, 18; und Sergio, 19). Achja, und einen süßen Hund: Patsy. Ich kam eigentlich mit allen sehr gut klar, besonders mit Daniel und Natasha. Mit Natasha hab ich zusammen in einem Zimmer geschlafen und es war wesentlich weniger komfortabel als in der ersten Familie. Aber auch viel gemütlicher und netter.
Ich hatte immer noch zwei Monate Sommerferien (von insgesamt drei Monaten) und da alle meine anderen Freunde von vorher inzwischen entweder im Urlaub in Brasilien waren oder schon in anderen Städten in Argentinien, wo sie jetzt studieren wollten, hab ich eigentlich die ganzen Ferien etwas mit Daniel und seinen Freunden unternommen, manchmal war ich auch mit Natasha unterwegs. Außerdem hatte meine Familie ein kleines Wochenendhaus, 50 km von Posadas entfernt. Es war direkt am Río Paraná, dort haben wir uns den ganzen Tag faul in die Sonne gelegt, waren baden (mit den Piranhas..) und ich war mit Daniel paddeln. Abends haben wir uns dort immer mit anderen Jugendlichen getroffen, die auch in ihren Wochenendhäusern waren. Meistens hab ich aber wirklich nur faul in der Hängematte gelegen und mir die Affen in den Bäumen angekuckt, das war echt schön, ich kam mir vor wie im Urwald.. :o) Das war sozusagen mein Sommerurlaub..

Reisen während meines ATJ

Das wollte ich auch noch ganz kurz erzählen, denn während ich meinen Sommerurlaub in unserem Wochenendhaus verbracht habe, haben viele andere Urlaub in Brasilien gemacht. Eigentlich schade, dass das bei mir nicht geklappt hat, aber dafür hab ich andere Orte kennengelernt. Wie ich ja schon erzählt habe, war ich eine Woche in Asunción/Paraguay und habe dort meine beste Freundin besucht. Auch sonst war ich ein paar Mal in Paraguay, allerdings nur in Encarnación, das ist die Stadt, die direkt gegenüber von Posadas auf der anderen Seite des Río Paraná liegt. Dort haben wir manchmal eingekauft, weil die Sachen in Paraguay viel billiger sind als in Argentinien.
Außerdem war ich zweimal bei den Wasserfällen von Iguazú, die sind wirklich wunderschön und liegen zwischen Brasilien und Argentinien. Man kann sie von beiden Seiten besuchen und sie bilden sozusagen die Grenze. Einmal war ich dort mit der Schule auf der argentinischen Seite und einmal bei der Reise von YfU, da haben wir beide Seiten gesehen. Außerdem waren wir bei dem Staudamm von Itaipú in Brasilien, ist ein Riesending, echt sehr beeindruckend.. An einem Abend haben wir uns noch das Länderdreieck von Argentinien, Brasilien und Paraguay angekuckt, die drei Länder sind an dieser Stelle auch durch zwei zusammenfließenden Flüsse getrennt.
Einmal hab ich eine Freundin in Corrientes besucht, das ist auch eine Provinzhauptstadt Argentiniens, ganz in der Nähe von Posadas (ca. 300km entfernt), die dort ihre Gastfamilie hatte. Ist übrigens auch ne echt schöne Stadt, aber Posadas ist natürlich viiiiiiiiiiel schöner. :o)
Naja, und ganz am Ende meines Jahres war ich noch in Bariloche/Patagonien, aber davon erzähl ich gleich noch ein bisschen mehr.
Jetzt wieder zurück zu meinem Alltag in Argentinien

Die letzten Monate

Ende Februar fing dann die Schule wieder an. Ich war jetzt auf einer halbprivaten Schule, dort werden zwar die Räume, Strom usw. von den Schulgeldern bezahlt, die Lehrer aber werden vom Staat bezahlt. Dort hatte ich als Schuluniform einen sehr "schicken" weißen Kittel, blaue Kniestrümpfe und immer noch lederne Halbschuhe. Auch an dieser Schule wurde ich sehr lieb aufgenommen, wobei ich auf den ersten Blick gesehen habe, das die Leute an dieser Schule nicht so eingebildet und neureich waren wie an der privaten. Ich habe sofort Freunde gefunden und mich total gut mit allen verstanden.
Die letzten Monate waren wirklich wunderschön, ich hatte soooooo viel Spaß mit meinen neuen Freunden und diesmal waren aus auch "wirkliche" Freunde, denen ich vertrauen konnte und denen ich alles erzählen konnte.


Spaß mit Freundinnen auf der Abschlußfahrt
(ich mit türkisem Halstuch)

Der Höhepunkt "meines" Jahres war die Abschlussfahrt, die ich mit meiner Klasse gemacht habe, nach San Carlos de Bariloche in Patagonien (ein berühmter Skiort in den Anden). Das war die unkomplizierteste, problemfreiste Woche, die ich in meinem Leben hatte. :o) Für diese Fahrt hatte ich meinen Flug nach Deutschland 3 Wochen verschoben. Aber am 28.8. musste ich dann doch nach Hause. Am Abend vorher haben wir noch eine Abschiedsparty gemacht an der Costanera, und alle haben mir noch kleine Geschenke gemacht und meinen Guardapolvo (den Kittel aus der Schule) vollgekritzelt. Aber dann war es soweit, ich war am Flughafen, mit mir meine Gastfamilie und ungefähr 15 Freunde. Meine beste Freundin sogar mit der ganzen Familie, weil ich mich immer so gut mit denen verstanden hatte und dort auch mal eine Woche gewohnt habe. Ich glaube, ich habe noch mehr geheult als bei meinem Abflug in Deutschland. Aber gottseidank hatte ich viele wunderbare Erinnerungen an "mein" Jahr, meine Freunde und eben Argentinien -
denn Argentinien ist wirklich das Beste, was mir jemals passiert ist und die argentinische Lebensfreude ist einfach nicht zu übertreffen. Man muss es erlebt haben, um es zu verstehen, deshalb glaube ich, dass ihr auch ein wunderschönes, wenn auch nicht unproblematisches Jahr in Argentinien haben werdet!

AGUANTE ARGENTINA CARAJO!!!




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