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Erfahrungsbericht

 

Positiv denken in Riverdale, Kalifornien


Erlebnisse bei einem Highschool-Jahr in den USA:
Neue Freunde und eine seltsame Familie

Mit freundlicher Genehmigung der Zeitung Darmstädter Echo - Magazinredaktion.
(Erschienen in der Zeitung "Darmstädter Echo" am 4.11.2000)

Von Samuel Bordon

Zwölftausend deutsche Jugendliche kommen jedes Jahr als Austauschschüler in die USA, und ich war einer von ihnen. Ich lebte ein Jahr lang in Riverdale, einem kleinen Nest in der Mitte Kaliforniens.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag meiner Abreise. Es war der 9. September 1999. Ich war recht gelassen. Die letzte Woche hatte ich verbracht, mich von Freunden zu verabschieden und alles für die Reise vorzubereiten. Ich frühstückte mit meinen Eltern, wobei wir alle versuchten, nicht daran zu denken, dass wir nun für ein Jahr getrennt sein würden. Am Frankfurter Flughafen kam dann der Abschied.

Ich dachte damals nicht daran, wie sehr ich Eltern, Freunde und vertraute Umgebung vermissen würde. Ich war auch nicht sonderlich aufgeregt, sondern wartete einfach ab, was kommen würde. Als das Flugzeug abhob, wurde mir doch ein wenig mulmig. Ich war dabei, in ein Land zu fliegen, in dem ich niemanden kannte. Ich sollte ein Jahr bei fremden Leuten verbringen und in eine amerikanische Highschool gehen.

Von meiner Gastfamilie, mit der ich später noch große Probleme haben würde, wusste ich fast nichts. Ich hatte einige Fotos per E-Mail empfangen, die


Liegt Deutschland
in Afrika?

ein sehr junges Paar mit einem neugeborenen Baby zeigten. Mit meinem 24 Jahre alten Gastvater Bob hatte ich mal kurz telefoniert, um Fragen über meine Kurse in der Schule zu klären. Sorgen machte ich mir keine. Ich hatte noch das Bild vom "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" und von der lustigen amerikanischen Traumfamilie aus dem Kino im Kopf.

Nach einem Flug von 14 Stunden kam ich in Los Angeles an. Der Anblick war überwältigend. Aus der Luft konnte ich kein Ende der Millionenmetropole ausmachen. So hatte ich mir Amerika vorgestellt. Von hier ging es dann nach Fresno weiter. Fresno ist ungefähr so groß wie Darmstadt, hat kaum Wolkenkratzer, aber - wie ich später hörte - eine der höchsten Kriminalitätsraten Kaliforniens. Anfangs freute ich mich auf eine interessante Stadt, doch ich wusste noch nicht, wie abgeschieden mein neues Heim liegen würde. Am Fresno Airport wurde ich von Cathy Griffith, der Betreuerin der Austauschorganisation, und meinem neuen Gastvater, Bob Winger (Name geändert) nebst Baby, empfangen. Zwar war der Kinderwagen mit "Welcome"-Luftballons bestückt, dafür beäugte mich Bob eher misstrauisch. Wir hatten uns wohl beide schon im Voraus ein anderes Bild voneinander gemacht. Ich erinnerte mich an das Motto "positiv denken", das mir meine Austauschorganisation "Give" ans Herz gelegt hatte.

Auf der Fahrt zu meinem neuen Zuhause führten Bob und ich nur Smalltalk. Ich war erst mal froh, dass ich in eine junge Familie gekommen war, anstatt zu erzkonservativen Republikanern. Weniger froh war ich über Riverdale, wo Bob mit seiner Familie lebt. Schon als wir in Riverdale einfuhren, drang mir der stechende Geruch in die Nase. Auf jeden der 2000 Einwohner kommen ungefähr 500 Kühe - die Bezeichnung "Kuhdorf" ist hier wirklich treffend. Außerdem waren wir mehr als eine halbe Stunde von der nächsten Stadt entfernt. Auf so eine Abgeschiedenheit war ich nicht eingestellt. Später wurde mir klar, dass es durchaus sinnvoll ist, Austauschschüler in kleinere Gemeinden zu schicken, da hier die Beziehungen zu den anderen Schülern stärker sind.

In den ersten zehn Tagen war ich sehr euphorisch. Alles war neu und von Langeweile oder Ärger keine Spur. Debbie, Bobs Frau, eine Berufssoldatin, war viel unterwegs, und so musste ich öfter mal babysitten. Mit Bob kam ich gut aus. Wir gingen fischen und unternahmen andere Dinge, denn die Schule hatte noch nicht angefangen. Ich war von einem Freund, der vorher Austauschschüler gewesen war, vor dem pappigen amerikanischen Essen gewarnt worden. Ich konnte mich jedoch nicht beklagen, denn mein Gastvater hatte früher als Koch gearbeitet. Dass er auch bei den US-Marines, der Landetruppe der Navy, gedient hatte, mochte man ihm angesichts seiner Leibesfülle gar nicht zutrauen.

An meinem ersten Schultag war ich ein wenig aufgeregt, als ich die Schüler von Riverdale High (alle zwischen 14 und 19 Jahre alt) aus den gelben Schulbussen aussteigen sah. Ich betrat die mit 480 Schülern recht kleine Schule und bekam meine Kurse zugewiesen. Es gab hier keine Klassen wie in Deutschland. Alle Jahrgangsstufen haben gemäß den eigenen Fähigkeiten gemischten Unterricht. Ich wählte Chemie, Biologie und Physik gleich ab. Ich hatte mir schon in Deutschland überlegt, dass ich meinen Schwerpunkt auf das Erleben des "american way of life" legen würde und weniger auf das Lernen. Allerdings fiel mir danach der Einstieg in das anspruchsvollere deutsche Schulsystem schwer.

Meine erste Unterrichtsstunde war "civics", vergleichbar mit Sozialkunde. Lehrer und Mitschüler überhäuften mich mit Fragen. Ob wir denn Telefone hätten in Deutschland, und ob Deutschland in Afrika liege. Sie hatten kaum Ahnung vom Leben in Europa, da die amerikanische Aufmerksamkeit sich im allgemeinen auf den eigenen Kontinent beschränkt. Am eifrigsten fragte ein Junge namens T.J., ein riesiger, sympathischer Footballspieler. Der Lehrer gab mir den Tipp, mich in diesem Jahr von T.J. fernzuhalten, da er ein Chaot sei. Wahrscheinlich wurden wir deswegen nach einiger Zeit so gute Freunde.

In meinen weiteren Fächern, English, Spanish, Leadership, Arts, Calculus (Mathematik) und Yearbook ging es ähnlich zu, bis irgendwann "lunch break" war, Mittagspause. Plötzlich rannte jeder zum Kiosk. Als ich dann mit meinem Tablett in der Hand dastand und nicht wusste, wohin ich mich setzen sollte, kam ich mir erstmals einsam vor. Dieses Gefühl legte sich aber bald. Ich war überrascht, wie einfach die Fächer waren - bis auf Calculus, hier waren mir die Mitschüler weit voraus. Daher wählte ich Mathe bei der ersten Gelegenheit auch ab.

Die ersten drei Monate verliefen recht harmonisch. Mit meinen Eltern telefonierte ich ab und zu mal, und per E-Mail hatte ich Kontakt zu meinen alten Freunden, von denen einige auch selbst im Ausland waren. Doch Ende November traten die ersten Probleme mit meiner Gastfamilie auf. Mir fiel auf, dass die Wingers von der Gemeinde ausgegrenzt wurden. Nachdem ich sie länger kannte, kamen sie mir etwas "weird", komisch, vor. Debbie hatte offenbar psychische Probleme, und Bob kam mir noch sehr unreif vor. Außerdem konnte ich mich nicht mit ihrer Lebensweise anfreunden, nachdem das Motto "positiv denken" nicht mehr wirkte. Das Haus war völlig heruntergekommen, was der Familie in der Nachbarschaft den Beinamen "white trash" (weißer Müll) einbrachte. So hatte Bob drei große Hunde, allerdings führte er sie nie aus, sondern ließ sie alle Geschäfte im Garten erledigen. Man kann sich vorstellen, was sich daraus in der gnadenlosen Sonne Kaliforniens entwickelt. Millionen


Von den Betreuern
im Stich gelassen

von Mücken überfielen regelmäßig den Nachbar James, wenn dieser mal grillen wollte. Ich musste zweimal täglich die frischen Hundehaufen mit Schaufel und Eimer entfernen. Die Wingers hatten mitunter nicht mal genug Geld, um Windeln zu kaufen, geschweige denn genug, um einen Austauschschüler aufzunehmen.

Das Baby war der einzige Lichtblick in der Familie. Schließlich war es aber beim besten Willen nicht mehr auszuhalten, und ich wollte in eine andere Familie wechseln. Ich berichtete der amerikanischen Austauschorganisation von meinen Schwierigkeiten, aber deren Vertreter hatten außer guten Worten keinerlei Lösung. Man müsse erst einmal einen "Problemlösungsprozess" abwarten. Ich fühlte mich von den Betreuern total im Stich gelassen. Die schönen Formulierungen im Katalog der deutschen Partnerorganisation, der meine Eltern an die 10 000 Mark für meinen USA-Aufenthalt gezahlt hatten, erschienen mir jetzt ziemlich lachhaft. Von Unterstützung bei Problemfällen konnte keine Rede sein.

Ich hätte es wohl nicht lange ausgehalten, wenn ich nicht sehr gute Freunde gefunden hätte. In der ersten Hälfte des Jahres hatte ich mit vielen Mitschülern in der Highschool nur oberflächliche Beziehungen. Schon seit der ersten Woche hatte sich der aus Portugal stammende Mario über mich lustig gemacht. Mich mit "little nazi" und "stupid german" zu begrüßen, war seine größte Freude. Erst nahm ich ihn ernst und wurde sauer, aber irgendwann merkte ich, dass er nur Spaß machte. Wir freundeten uns an und hingen dann viel zusammen herum. Durch ihn lernte ich auch T.J. näher kennen. Ich mochte diese beiden Neunzehnjährigen so gern, weil sie einfach sagten, was sie dachten und richtig harte Kerle waren, "hard asses".

Ich denke, die richtige Freundschaft fing an, als wir mal zusammen was tranken. Klar, in Deutschland ist das kein "big deal". Aber im puritanischen Amerika, wo alkoholisierte Austauschschüler gleich ins Heimatland zurückgeschickt werden und das "drinking age" bei 21 Jahren liegt, war es etwas Besonderes. Einmal lief ich in etwas angeheitertem Zustand im Schlafanzug mit Skistiefeln und Sombrero hinter Marios Ziegen her und attackierte sie mit einer Spielzeugpistole.

Es störte mich sehr, dass ich immer fragen musste, wenn ich etwas unternehmen wollte. Ohne Auto ist man im ländlichen Amerika verloren. Und da mein Gastvater so gut wie nie bereit war, mich irgendwohin zu bringen, musste ich immer Freunde darum bitten. Jugendliche sind in Amerika ohnehin mit vielen Verboten konfrontiert. Als Austauschschüler hat man es noch schwerer. Daraus entstanden ziemliche Probleme, da ich nicht mit der dauernden Überwachung durch Gastfamilie und Organisation klarkam. Ich fühlte mich zu Hause nicht wohl, also versuchte ich, so oft wie möglich wegzugehen, wurde aber immer wieder daran gehindert. Zum Beispiel durfte ich nicht mit Freunden an die kalifornische Küste fahren, obwohl die nur eine Autostunde entfernt war. Erst im letzten Monat meines Aufenthalts, als ich ohnehin nichts mehr zu verlieren hatte, setzte ich mich über solche Verbote hinweg.

Um Bekanntschaften zu schließen, habe ich viel Sport gemacht. Ich versuchte mich auch im Basketball, obwohl ich da mit Abstand der Schlechteste war und jeweils nur die letzten 30 Sekunden ins Spiel durfte. Allerdings wurde ich dann durch den Jubel der Menge entschädigt, die ihren deutschen Austauschschüler wohl irgendwie liebgewonnen hatte. Der schönste Moment war für mich, als noch vier Sekunden Zeit waren und ich einen Zweipunkter machte. Danach wurde ich wie ein Held gefeiert.

HARTE JUNGS:
Das Basketballteam von Riverdale, rechts unten der Berichterstatter.

Seit ich zurück in Deutschland bin, haben mich viele Leute gefragt, wie die Amerikaner denn nun wirklich sind. Aufgefallen ist mir die große Freundlichkeit Fremden gegenüber. Allerdings sind mir oft auch Doppelmoral und Verklemmtheit begegnet. Von fortschrittlichem Denken in Bezug auf Sitte und Moral gibt es keine Spur - so locker wie in mancher Hollywoodkomödie geht es in Wirklichkeit selten zu. In der Highschool mimten alle nach außen hin die Unschuldsengel, dafür brodelte dann die Gerüchteküche à la "American Pie". Mit den amerikanischen Mädchen hatte ich leider kein Glück, denn die, die mir gefielen, waren schon in festen Händen.

Zwar hatte ich mit der Betreuungsorganisation schlechte Erfahrungen gemacht, aber die angebotenen Ausflüge und Reisen (die man extra bezahlen muss) waren wirklich gut. Der Höhepunkt war eine achttägige Reise nach Washington D.C. und New York. Den Anblick von New York bei Nacht werde ich nie vergessen. Außerdem fuhr ich nach San Diego und nach Los Angeles.

Ein anderer Zeitvertreib war das Schießen. In Kalifornien scheint jeder Haushalt eine Vielzahl


Freundlichkeit, Verbote
und Doppelmoral

von Schusswaffen zu haben (besonders die aus Mexiko stammenden Bürger, die 80 Prozent der Einwohner von Riverdale ausmachen). Es bereitete einfach Spaß, mit einem Kofferraum voller Gewehre an einen See zu fahren und auf Plastikflaschen zu ballern.

SCHIESSÜBUNGEN
sind auch in Riverdale eine beliebte Freizeitbeschäftigung.

Die letzten zwei Wochen meines USA-Aufenthalts verbrachte ich bei meinem Freund Mario, bei dem ich schon zuvor immer Zuflucht gesucht hatte, wenn es in meiner Familie Streit gab. Die Ferien hatten begonnen, und unsere Clique verbrachte die gesamte Zeit miteinander. Der Abschied fiel mir sehr schwer. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so gute Freunde finden würde. Wir haben immer noch Kontakt per E-Mail, manchmal telefonieren wir.

Schon seit drei Monaten bin ich jetzt wieder zu Hause. Mit Leichtigkeit hatte ich das "diploma", den Highschool-Abschluss erhalten, in Deutschland musste ich dennoch viel in der Schule nachholen. Alles kam mir hier fremd und ungeheuer klein vor.

WÜRDEVOLLER ABSCHLUSS:
Samuel Bordon erhält sein Highschool-Diplom.

Das Jahr in Amerika hat mich sicherlich geprägt, und ich habe viel an Lebenserfahrung gewonnen. Da ich immer wieder allein mit schwierigen Situationen klarkommen musste, bin ich viel selbstständiger geworden. Trotz der Probleme war es alles in allem ein schönes Jahr. Mit meinen Gasteltern hatte ich Pech, aber es gibt viele Beispiele von deutschen Schülern, die in eine wirklich nette Familie gekommen sind. Und so kann ich jedem nur zu einem USA-Aufenthalt raten. Verlieren kann man nichts, aber man gewinnt eine tolle Erfahrung.


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