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Erfahrungsbericht

Christines's Jahr in Alpena

Kurzinfo:
Name: Christine
E-Mail: erfahrungbericht@schueleraustausch.de
Austauschort: USA / Arizona / Alpena
Austauschjahr: 1998/1999

Inhalt:


Mein Name ist Christine Seide und ich war für ein Jahr (98/99) mit dem PPP-Programm in Alpena, AR. Hier ist mein Bericht:

Auf die Frage hin: Wie war dein Jahr in Amerika? Fällt es mir immer schwer zu antworten, denn wie soll man ein ganzes Jahr in schnellen zwei Sätzen erzählen und das auch noch so, dass es interessant klingt. Ich antworte meist darauf, dass es ein unvergessliches Jahr war, wenn auch anders als ich mir vorgestellt hatte. Ein großer Schritt war es für mich, mich von meinen Vorstellungen über das "TV- USA" und alles was damit verbunden ist zu lösen, damit ich mit dem "etwas anderen USA" eins werden konnte. Das war nicht so einfach, denn natürlich hatte ich eine Vorstellung von dem was mich erwarten würde, auch wenn ich gedacht hatte, dass ich diesem Jahr ganz offen gegenüberstehen würde. Es war nicht so, dass ich gedacht hatte ich würde ein Leben wie in "Beverly Hills 90210" führen, doch hatte ich geglaubt das zumindest die Städte und High Schools dem nahe kommen würden.

Damit will ich nicht sagen, dass ich enttäuscht war, ich meine am Anfang war ich das schon, aber so bald ich dieses Bild abgegeben hatte änderten sich auch meine Gedanken und meine Einstellung. Es ging für mich nicht länger darum zu wechseln (Familie, Schule, Stadt), um meinem Bild von den USA näher zu kommen, sondern die Situation so hinzu nehmen und selber das Beste daraus zu machen. Und ich mußte feststellen, dass ich viel mehr Freude an allem hatte und mein Jahr besser genießen konnte. Ich mußte hart an mir arbeiten und war wie man so schön zu sagen pflegt "meines eigenes Glückes Schmied". Heute kann ich sagen, dass ich viel gelernt habe z.B. offener für neues zu sein, nicht gleich zu urteilen und sich an kleinen Sachen und Gesten zu erfreuen, aber auch das die USA eine Seite hat, die kaum einer kennt, die aber genauso dazu gehört wie das von vielen so bekannte LA, und das Land erst aus macht. Um Ihnen einen Einblick in diese "andere Seite" zu geben, werde ich versuchen mein Jahr in einem kurzen Bericht zu bündeln

Alpena

Meine Gastfamilie war als erstes nicht das, was ich mir in Deutschland unter meiner Gastfamilie vorgestellt hatte. Sie bestand aus einem Vater Jim, einer Mutter Dixie und meinen drei Gastbrüdern James 18, Matt 16 und Andi 12. Sie waren vor drei Jahren von Houston, Texas nach Alpena, Arkansas gezogen, um in der Nähe von Jims Verwandtschaft zu wohnen. Wenn man nach Alpena reinfuhr, wurde man von dem Schild: "Willkommen in der Vergangenheit, im guten alten Alpena" begrüßt und das mit der Vergangenheit trifft die Beschreibung so ziemlich genau auf den Kopf. Denn Alpena war eine Stadt mit 309 Einwohnern, einer Schule, einer Tankstelle, einer Post, einer Gaststätte und einem Tante-Emma-Laden. Doch das allein war es nicht, die Häuser im Zentrum der Stadt oder sollte ich besser sagen der Hauptstraße entlang sahen wie Häuser aus alten Cowboyfilmen aus. Mit altem Backstein und Holzverschlag, manche hatten auch Löcher und wurden mit Brettern zusammen gehalten.

Jeden Freitag fand ein "großer" Flohmarkt statt, wo die Menschen versuchten ihren Krimskrams an vorbeifahrende Touristen zu verkaufen. Die Hauptstraße und die Straßen um die Schule herum, wo die Häuser noch dicht nebeneinander standen waren gepflastert. Warum ich das erwähne? Weil das in dem Teil von Alpena, wo ich lebte, nicht der Fall war. Weil so viele Straßen nicht gepflastert waren, war es nur normal, dass die meisten Menschen einen Truck fuhren, denn dem konnten die Berge mit ihrem Staub und kleinen Steinen nichts antun. Wie gesagt, so eine Straße führte auch zu unserem Haus. Unsere Nachbarn konnte man von unserem Haus aus nicht sehen, eigentlich war außer Feldern und Kühen überhaupt nichts zu sehen. Die Menschen hier lebten von Rinder- und Hühnerwirtschaft, andere Arbeit war schwer zu bekommen. Auch wir besaßen zwei Kühe und zehn Hühner, die aber nur für den Eigenverbrauch bestimmt waren. Jim arbeitete oder träumte immer davon einmal selber viele Kühe zu haben. Wir hatten auch zwei Katzen und einen Hund, die draußen lebten was mir bei dem Hund nicht leid tat, da er die ersten Monate mir eher kläffend gegenüber stand. Es heißt zwar Hunde die bellen beißen nicht, aber mir lag nichts daran dies heraus zufinden.

Meine Gastfamilie

Meine Gasteltern hatten ihre Arbeit in Missouri, was bedeutete, dass sie morgens schon vor mir weg waren und erst abends um 20Uhr nach Hause kamen. Wenn sie dann abends nach Hause kamen, stellte sich Dixie gleich in die Küche und kochte, währenddessen Jim sich vor den Fernseher auf die Couch setzte. Überhaupt, so schien es mir am Anfang war, war Jim sehr autoritär gegenüber seiner Frau und seinen Söhnen. So bekamen meine Gastbrüder sehr schnell Ärger, z.B. wenn sie die Flurtür vergessen hatten zu schließen. Meine Gastbrüder konnten sich untereinander alle nicht so gut leiden und so war auch deren Ton untereinander alles andere als freundlich. Zu mir waren alle sehr nett, was für mich die Sache nicht einfacher machte, da ich es ungerecht gegenüber den Anderen fand. Der Eindruck, dass in dieser Familie keine Liebe herrschte, vertiefte sich immer mehr und lies mich erkennen, was ich doch an meiner Deutschen Familie hatte.

Nach zwei Monaten sprach ich mit meinem Gastvater über die Situation und wie sie mir zu schaffen macht und er versuchte mir zu erklären, warum er so handelte. In den folgenden Monaten empfand ich es gar nicht mehr als so schlimm und begann das alles mit anderen Augen zu sehen. Ich glaube, dass ich zu schnell geurteilt habe und nicht lange genug beobachtet. Vielleicht habe ich mich aber auch dran gewöhnt und hörte den Ton nicht mehr so wie vorher. Ich merkte z.B. das meine Gastmutter zwar fast immer das machte, was mein Gastvater ihr sagte und das sie auch bei Streitereien immer eher aufgab, doch sich eigentlich mehr über seine strenge Art amüsierte, da sie meistens recht hatte. Es war also eine Art Spiel, in dem sie ihn glauben lies das er das Oberhaupt war. Es war zwar trotzdem so, dass mein Gastvater seinen Söhnen nie in den Arm nahm oder irgendwelche anderen Anzeichen machte ihnen zu zeigen, dass er sie liebte. Ich habe mir aber mit der Zeit gesagt, wenn sie es nicht tun, ist es noch lange kein Grund, dass du es nicht tun kannst. Von da an hab ich, wenn ich mich gefreut habe oder dankbar war, den Jenen einfach mal in den Arm genommen und ihm gesagt wie ich sie mag und wie sehr ich mich freue bei ihnen zu sein. Insgesamt habe in fast allen Situationen etwas schönes gesehen und diese auch intensiver wahr genommen.

Es liegt sehr viel an einem selbst, was er draus macht, ich habe viele getroffen, die bei den kleinsten Schwierigkeiten schon ihre Gastfamilien gewechselt haben. Natürlich wäre das einfacher gewesen und es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich am Anfang nicht auch daran gedacht hätte, doch dann hätte ich nie erfahren was für eine tolle Gastfamilie ich hatte und wie gut sie zu mir passte. Mit meinen Gasteltern konnte ich über alles reden, insbesondere mit meinem Gastvater. Ich begleitete ihn gerne zu Einkäufen, dann redeten wir im Auto über Gott und die Welt. Meine Gastmutter hat mal zu einer ihrer Freundinnen gesagt: Christine ist für Jim die Tochter, die er nie gehabt hat und so verwöhnt er sie auch.

Das Zusammenleben

Was ich durch meine Gastfamilie, aber auch durch andere, gelernt habe, ist meinen Anspruch zurück zu schrauben und glücklich darüber zu sein, was ich habe. Meine Gastfamilie verdiente nicht gut und trotzdem waren sie nicht verbittert darüber, sondern versuchten das Beste draus zu machen. Mein Gastvater musste Freitags nie arbeiten und so machte er dann die Wäsche und was sonst noch so im Haushalt anfiel. Jeder in der Familie hatte seine festen Aufgaben, so musste ich z.B. die Katzen füttern, die Geschirrspülmaschine ausräumen und für frische Eiswürfel sorgen.

Über unseren Fernseher musste ich mich am Anfang doch sehr wundern, da wir insgesamt nur ein Programm empfingen. Dieses auch nur mit einer selbst hergestellten Antenne, so dass wir nie Webung kriegten und stattdessen die Aufschrift: Die Filmrolle wird gewechselt sahen. Ich wusste nie was im Fernsehen kommt, es konnte sein das den ganzen Tag eine Serie nach der Andern von: "Guck mal wer der hämmert" lief (was ziemlich oft vorkam, so dass ich sie jetzt alle kenne) aber es konnte auch mal ein Spielfilm kommen, das war nie genau zu sagen. Der Grund dafür war die hohe Gebühr für andere Fernsehkanäle, die man in solchen Gebieten, wo ich lebte erhob und deshalb hatten wir, so glaube ich, fast jeden erdenklichen Film auf Video.

Ausnahmezustand

Brettspiele haben in wir meinem Austauschjahr nur einmal gespielt und zwar als der Strom ausfiel und das war so: Nach Silvester hatte es geregnet, es war kalt und dann schneite es auch noch. Das Ergebnis: Eingefrorene Wasserleitungen und zusammengebrochene Stromleitungen. Das gute daran: Wir mussten nicht zur Schule, das Schlechte: Wir konnten überhaupt nirgends wo hin. Da wir auf einem Berg lebten und dieser verschneit und vereist war, kamen wir nicht weg und andere auch nicht her. Das einzigste was noch funktionierte war unser Telefon. Meine Gastfamilie erklärte mir, dass das schon öfters vorgekommen sei und deshalb mussten wir schon Tage vorher Wasser abfüllen. In diesen Tagen lernte ich auch, dass der Holzofen in der Küche nicht nur als Ablagerungsstätte diente, sondern sehr wohl noch einen höheren Zweck hatte.

Wir mussten Schnee von draußen rein holen und die Badewanne damit auffüllen, um unsere Toilette benutzen zu können. Wasser war rar und deshalb konnten wir uns auch nicht Waschen, was sowieso nur mit kaltem Wasser möglich gewesen wäre. In den Supermärkten gab es Kämpfe um die letzten Wasserbehälter und Batterien, so dass der Securitydienst gerufen werden musste. Ich glaube, dass war auch mit die einzige Zeit, in der fast alle Brettspiele ausverkauft waren. Diese ganze Situation dauerte eine Woche, das bedeutete: Eine Woche lang nicht duschen, nicht die Zähne putzen (ich habe heimlich Wasser abgezapft um wenigsten dies zu tun), in der Nacht mit 2 Pullovern und Decken zu liegen und trotzdem frieren. Es war trotzdem sehr lustig, auch wenn man sich mit der Zeit auf den Geist ging, da man zu sehr zusammen hockte.

Das Komische daran ist, dass dies nicht einmal im Fernsehen berichtet wurde, so uninteressant ist Arkansas für die restlichen Staaten, so fragen mich Menschen aus Kalifornien ob ich mir sicher sei, dass ich dieses in den USA erlebt hätte. So bald der Strom wieder da war, wurde das Brettspiel in den Schrank verfrachtet und der Fernseher angestellt und alles nahm wieder seinen Lauf. Ich aber muss sagen, dass ich mich noch nie so über eine Dusche gefreut habe, wie in diesem Augenblick.

Weihnachten

Die Weihnachtszeit ist etwas einmaliges in den USA. So bald die Weihnachtszeit beginnt, wird alles erdenkliche dementsprechend gestaltet und verkauft, was besonders dem Konsumgeschäft eine Freude bereitet. Von einem Moment auf den anderen, ist es als wenn jemand bei den Menschen den Sender, wie bei einem Radio, gewechselt hätte und sie alles schlechte aus der letzten Zeit vergessen hätten und nur noch die Nächstenliebe verspüren. Die Häuser werden mit Unmengen von bunten Lichtern und leuchteten Figuren geschmückt, so dass sie schon von weitem zu sehen sind. Meine Gastmutter hat Kekse gebacken und mein kleinster Gastbruder schmückte unser ganzes Haus. Natürlich ging auch bei uns allen das Geschenkfieber los und so zogen wir zu jeder erdenklichen Zeit los, um bei Wal-Markt fündig zu werden.

Ich habe in dieser Zeit zusammen mit meinem Gastbruder Lebkuchenhäuser für die ganze Familie gebacken, was eine besondere Freude für ihn war, da er dies noch nie vorher gemacht hatte. Wir verzierten sie mit Deutschen Süßigkeiten und verschenkten sie zu Weihnachten an meine neugewonnen Cousinen und Cousins. Am Weihnachtsmorgen versammelten wir uns ganz früh um den Plastikweihnachtsbaum, unter dem schon die ganzen Geschenke lagen. Es wurde immer ein Geschenk nach dem Anderen ausgepackt, so dass alle sehen konnten was man bekam. Ich bekam von jedem meiner Gastbrüder ein Geschenk und von meinen Gasteltern sogar jeweils zwei. Es waren sehr ideenreiche und persönliche Geschenke über die ich mich alle sehr gefreut habe, doch das Schönste war die Umarmung von meinem Dad und das Gefühl, dass ich ein Teil dieser Familie geworden war.

Die Kirche

Die Kirche spielte in meiner Gegend eine sehr wichtige Rolle für die meisten Menschen. Es gab für jeden Glauben eine Kirche, so dass man sich unter den 10 Kirchen in unserem kleinen Ort eine aussuchen konnte. So war Sonntags zweimal Kirche (morgens und abends) und Mittwochs war Jugendgruppe auch noch mal zwei Stunden. Bevor ich weiter darauf eingehe, will ich den von mir an meinen Bruder gerichteten Brief vom 14.9.98 einmal zitieren um zeigen zu können wie meine Kirche am Anfang auf mich wirkte:

"Also Sonntagmorgen geht, soweit dies möglich, die ganze Familie in die Kirche. Dass das nicht der Gottesdienst ist, wie bei uns wusste ich ja schon von den letzten Malen, aber diesmal haben sie wirklich den Vogel abgeschossen. Jeder, der will ist einfach mittendrin aufgestanden und hat lauthals erst mal irgendein Gebet geschrieen, dann wurde, wenn mal gerade keiner geschrieen hat, haufenweise Lieder gesungen (Begleitung mit Schlagzeug, E-Gitarre, u.s.w.). Bei mir saß eine ältere Frau (ca. 70 Jahre) in der Reihe, die dann wie im Film Aufeinmahl aufgestanden ist und ihre selbstgebastelte Trommel rausholte und, wie ein Buschmännchen, rumgetanzt ist. Es ist ja auch normal, dass dann während gesungen wird viele nach vorne zum Altar gehen, sich hinknien und anfangen zu heulen. Während also der Jugendpastor gerade sein Solo hinlegt, stürzten sich die Ersten dann schon auf die, extra vorne hingestellten, Klineexkartons (ich denke mal, dass die ganze Kollekte schon dafür drauf geht). Auch die Pastoren sind immer munter dabei, diesmal ist der Pastor dann sogar zusammengebrochen, weil er der Meinung war der Gemeinde nicht mehr genug geben zu können und sie deshalb verlassen müsste.

Dann aber, wie durch einen Zufall hat Gott zu ihm gesprochen und die Gemeinde hat ihn natürlich auch dabei wieder umarmt und so geholfen. Eine Frau hat die ganze Zeit rumgeschrieen, angeblich wäre sie in Trance gefallen. Wenn das passiert ist sie eins mit Gott und der Heilige Geist kommt in sie und Gott spricht in einer Sprache durch sie, die der Teufel nicht verstehen kann. Wenn du mich fragst gehören die alle in die Klapse und das ähnelt einer Sekte. Mir taten nach diesen zwei Stunden auf jeden Fall die Ohren weh, nach dem Gebrüll und dem ganzen Durcheinander, aber zumindest bleibt der Pastor erst einmal und so "freue" ich mich schon auf nächsten Sonntag."

Ja, so empfand ich die Kirche am Anfang und es war auch zu diesem Zeitpunkt immer eine Qual die drei Stunden am Sonntag auszuhalten. Ich lernte aber ganz schnell, das mit den Themen Kirche und Glaube nicht zu spaßen ist. Wenn Menschen Rauchen, Trinken, Ehebruch begehen, vorehelichen Sex haben, u.s.w. sind sie das nicht wirklich, sondern der Teufel hat von ihnen Besitz ergriffen und sie hatten nicht die Kraft sich gegen ihn durch zusetzten. Auch Schwule waren in ihren Augen nicht natürlich, dem wie sie so schön sagten: "Gott machte Adam und Eve und nicht Adam und Steve". Was in der Bibel steht stimmt und wird nicht hinterfragt, sondern dem ist, wenn man in den Himmel will, Folge zu leisten. Fälle von Tranceerscheinungen waren bei jedem Gottesdienst zu beobachten und es war nur wichtig, so viele Menschen wie nur möglich an Gott zu binden und sie so bei Jesus Rückkehr (5-20 Jahre) vor der Hölle und den Schmerzen zu bewahren. So wurde ich als ein Zeichen von Gott gesehen, dem sie alles beibringen konnten, so dass ich Deutschland retten könnte. Trotz dieser ganzen Sachen begann ich die Kirche zu mögen. Es machte Spaß in den Gottesdienst zu gehen, da die Lieder mehr Schwung hatten und man sich dazu bewegen konnte. In der Jugendgruppe waren meine Freunde, Freunde auf die ich mich verlassen konnte.

Meine High School

Auch meine High School war anders als ich es erwartet hatte nach den Erzählungen anderer. Da meine Stadt ja nur sehr klein war, wurden Kindergarten, Grundschule, Junior High und Senior High zusammen gelegt, was normaler Weise in den USA alles Separat ist. In meinem Jahrgang waren mit mir 23 Jugendliche, dies ist für eine High School nicht viel. Ich war die aller erste Austauschülerin an dieser Schule, was Vor- und Nachteile hatte. Der Vorteil lag darin, dass ich mit keinen anderen Austauschülern verglichen werden konnte und die Schule mir fast alles ermöglichte. So durfte ich z.B. in bestimmte Clubs oder auf Ausflüge mit, die sonst nur für bestimmete Schüler gedacht waren. Der Nachteil, obwohl man hier auch geteilter Meinung sein kann, ist, dass ich mit allem was ich tat oder sagte gleich ganz Deutschland repräsentierte, da die Meisten keine anderen Deutschen kannten und so waren alle Deutsche für sie wie ich. Ich musste also genau aufpassen was ich tat und immer wieder genau betonen, dass ich, wie auch der einzelne in Alpena, nicht eine ganze Nation verkörpere. Allerdings habe ich diesem Nachteil auch meine Chance gesehen, meine Chance den Menschen von Alpena zu zeigen wie Deutsche so sind. An meiner Schule gab es nur einen Sportclub und das war Basketball.

Jeder der mitmachen wollte, konnte dies auch. Basketball fand in der ersten Stunde statt und nicht wie an anderen Schulen nachmittags. Nachmittags fand an unserer Schule gar nichts statt und da die meisten Schüler einen Job hatten, blieb mir nichts anderes über, als mich allein zu Hause zu beschäftigen. Ich merkte schnell, dass das nichts für mich war und so fragte ich in der Schule nach, ob es irgendeine Möglichkeit gäbe etwas nachmittags zu machen. Es stellte sich heraus, dass das Basketballteam der Mädchen noch einen Manager suchte, dass hieß einer der ihnen bei den Spielen mit Wasser, Handtüchern, Eisbeuteln und einem aufbauenden Wort zur Seite stand. Ich nahm den Job an und war so zweimal die Woche nachmittags mit bei den Spielen. Bevor ich nach Amerika kam, konnte ich mich nicht dafür begeistern, Sport im Fernsehen zu verfolgen, doch hier war es mein Team und ich begann das Spiel zu lieben.

Manch einer mag darüber lachen, aber ich fand es nicht schlimm oder minderwertig ein Manager zu sein, stattdessen sah ich mich als ein Mitglied des Teams an. Vor jedem Spiel wurde im Umkleideraum das Vaterunser gebetet, dabei bildeten wir einen Kreis und fassten uns alle bei den Händen. Einmal fragten sie mich, ob ich nicht mal auf Deutsch für sie beten könnte und ich tat es. Bei manchen Spielen, wenn die Spieler und Cheerleader mit den Schülern von der anderen Schule sprachen, erwähnten sie, dass sie eine Austauschülerin als Manager hätten und freuten sich, wenn welche von denen vielleicht Deutsch sprechen konnte. Dann kamen sie zu mir und waren so glücklich, dass sie jemanden gefunden der meine Sprache sprach. Mich selber erfüllten solche Momente mit Stolz, Stolz darüber, dass mir eine Freude gemacht wurde und dass man sich um mich bemühte, aber auch das man mich gerne mochte.

Mein Stundenplan

Meinen Unterrichtsplan konnte ich soweit frei gestalten und ich durfte mir auch aussuchen, ob ich in die 11. oder die 12. Klasse wollte. Ich entschied mich für die 12. Klasse, da ich erstens die elfte schon gemacht hatte und mich zweitens für das Diplom, welches ich nach Abschluss der zwölften Klasse in Amerika erhalten sollte, interessierte. Das einzige, was ich von der Organisation aus belegen musste, war Englisch und Amerikanische Geschichte. Da es nur einen Englischkurs für den ganzen 12. Jahrgang gab, nahm ich an diesem teil. Sonst hatte ich nach einigem umwählen: Chor, Sport, Journalismus, Mathe, Computer und einen Kurs zur Hospitation in Grundschulklassen und Unterstützung der Lehrkräfte half.

Der Unterricht war unterschiedlich schwer und es ist ein Vorurteil zu sagen, dass in den High School nichts gefordert wird. Es ist richtig, dass viel Beschäftigungsarbeit ist und weniger logisches Denken gefordert wird, so musste ich als Mathehausaufgaben oft 20 Aufgaben nach dem gleichen Schema rechnen. Auch wurden uns Formel gleich gegeben, anstatt sie zu erarbeiten und so zu wissen wo sie herkamen. Dadurch, dass ich jeden Tag den selben Stundenplan hatte, blieben mir die Sachen besser in Erinnerung. Allerdings war ich auch gezwungen, die Massen von Hausaufgaben jeden Tag zu machen, sonst bekam ich richtig Ärger. In Amerikanischer Geschichte mussten wir die ganze Zeit nur mitschreiben, ab und zu mussten wir Arbeitsblätter ausfüllen und bei den Tests standen die Lösungswörter an der Tafel und man musste sie nur noch richtig einsetzen.

Vom Sportunterricht war ich begeistert, denn es ging nicht um die Leistung, sondern um die Partizipation. An diesem Unterricht nahmen auch Behinderte teil, so dass ich in diesem Jahr gelernt habe, besser mit ihnen umzugehen und sie genau so behandele wie gesunde Menschen. Mein schwerstes Fach war Englisch, denn der Lehrer stellte sehr hohe Ansprüche, um die ich auch nicht herum kam. So musste ich in diesem Jahr, drei Facharbeiten, zwei Buchbeschreibungen und sämtliche Tests schreiben, nicht zu vergessen die große Menge und Hausaufgaben...

Wie in allen anderen Fächern stellte sich auch die Zensur in Englisch aus den rein schriftlichen Leistungen zusammen. In Englisch habe ich viel gelernt, wenn nicht sogar am Meisten. Zugegebenen Zeiten mussten Arbeiten abgegeben werden und niemand konnte sich herausreden oder um eine Verlängerung bitten. Ich lernte mich selber besser zu organisieren und zu schreiben, so dass mir dies jetzt auch in Deutsch zu Gute kommt. Insgesamt aber galt, wer 10 Tage in einem viertel Jahr fehlte, denn man bekam insgesamt vier Zeugnisse, hatte das ganze viertel Jahr nicht bestanden. Wer die Schule schwänzte musste mindestens einen Tag in einem kleinen Raum, ohne Fenster und mit nur einem Tisch und einem Stuhl sitzen, um wieder zur Disziplin zurückzufinden. Wer viermal zu spät kam, frech oder laut im Unterricht war, musste dann die Mittagspause unter Aufsicht damit verbringen, Seiten aus einem Lexikon abzuschreiben.

Insgesamt war unsere Schule ziemlich streng und der Schulordnung (so auch dem Dresscode) ohne Ausnahme war Folge zu leisten. Kurze Röcke, Trägershirts, oder andere Kleidungsstücke, die zu viel Haut zeigten durften nicht getragen werden, da sie die Mitschüler vom Unterricht ablenken würden. Wer es doch tat musste nach Hause gehen und sich umziehen.

Soziales System

Dadurch, dass nicht jeder in den USA eine Krankenversicherung besitzt, wurden Sachen, wie Zahnklammern mehr gewürdigt. Eine Mitschülerin sagte einmal ganz stolz zu mir: "Wenn meine Klammer weg ist, sind meine Zähne $ 24 000 wert. Im Gegensatz dazu muss aber auch die andere Seite der Bevölkerung gesehen werden. Solche die sich keine Klammer leisten können, aber so gerne eine hätten. Das Traurigste, was ich in diesem Jahr mitbekommen habe, war das Schicksal eines Jungen. Dieser hatte sich sein Bein gebrochen und das war falsch zusammen gewachsen. Da die Eltern kein Geld hatten, es noch einmal brechen zu lassen, wird er für immer ein Krüppel bleiben. Vielleicht muss man erst auf solche Sachen gestoßen werden, um erkennen zu können, wie gut man es doch hat.

Was mein Jahr ausgemacht hat

Was in meinem Ort und so auch an der Schule sehr komisch war, waren die Zukunftswünsche der Mädchen. Wenn man eine Hitliste aufgestellt hätte, hätte an erster Stelle gestanden: Heiraten und zwar den Jungen mit dem größten Diamantring. Allein in meinem Jahrgang, haben nach Abschluss der 12. Klasse zwei Mädchen geheiratet und im Jahrgang darunter waren es auch noch mal drei. Als ich sie dann gefragt hatte, was sie anschließend machen wollten war die Antwort: zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern. Nur von ganz wenigen kam der Wunsch zum College zu gehen. Ich will nicht sagen, dass die Menschen dort primitiv waren, sie waren nur an ganz andere Sachen interessiert als die Jungendlichen hier. Ich könnte noch so viel mehr erzählen, denn da sind noch so viele Dinge die mein Jahr ausgemacht haben.

Mein Jahr sehe ich immer noch nicht als zu Ende an, denn meine Erinnerungen bleiben und mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe, gestalte ich jetzt mein weiteres Leben. Ich habe immer noch Kontakt mit meiner Gastfamilie und mit Freunden und weiß, dass wenn ich wieder rüber fliege, sie mich mit offen Armen aufnehmen. Es ist wie ein zweites zu Hause für mich und ich freue mich schon jetzt auf ein Wiedersehen. Es ist wirklich so, wie es die Organisation gesagt hat: Am Anfang hat man eine Deutsche Brille auf und sieht und urteilt danach. Doch nach und nach schiebt sich eine Amerikanische Brille darüber und man sieht und urteilt anders. Ich bin froh, dass ich Besitzer dieser beiden Brillen bin, die mich Dinge mit anderen Augen sehen lassen.

Ich kann nur jedem raten, wenn er eine solche Chance bekommt, sei es als Austauschüler, als Au-pair, u.s.w diese wahrzunehmen. Diese Erfahrung kann kein anderer für dich machen und sie kann dir auch keiner wieder weg nehmen. Natürlich werden es nicht die Erfahrungen sein, die ich gemacht habe, denn jeder Mensch ist anders und so persönlich und individuell wird auch das Jahr jedes Einzelnen werden. Ich würde mein Jahr auf jeden Fall für nichts in der Welt tauschen und bin allen dankbar, die mir dies ermöglicht haben.


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