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Erfahrungsbericht Christian Gundlach´s Jahr in Rochester Kurzinfo:
Interview
Talea de Freese: Wem würden Sie ein Highschooljahr in den USA empfehlen? Gundlach: Generell jedem. Ich würde jedoch raten, nicht wie üblich nach der zehnten, sondern nach der elften Klasse zu gehen. Es bringt mehr Freiheiten, das Seniorjahr dort zu machen, da man mit 18 in den USA wesentlich mehr darf als mit 16 oder 17.sDie Befürchtung, ein Jahr zu verlieren, ist unberechtigt. Man verliert ja nichts, sondern gewinnt immer etwas dazu.
Ich war in den Jahren davor dreimal in England zu Sprachstudien und hatte ein großes Interesse für die englische Sprache entwickelt.Ich war ebenso an anderen Kulturen interessiert und wollte eine neue kennen lernen. Da Länder wie Südamerika oder Asien damals noch nicht so im Trend waren, entschloss ich mich, ein Jahr in den USA zu verbringen. Gab es Schwierigkeiten, die Reise anzutreten? Die gab es. Ich bewarb mich bei den großen Organisationen, YFU und AFS, wurde aber abgelehnt. Die meinten, ich sei nicht kompromissbereit genug, um ein Jahr bei einer Gastfamilie zu leben. sIch gab nicht auf und wurde schließlich bei Eurovacances angenommen. Wie haben Ihre Freunde, Ihre Familie den Entschluss aufgenommen? Meine Familie hat mich unterstützt, wo sie konnte, auch finanziell. Meine Freunde nahmen den Entschluss weniger positiv auf, das reichte von Egalität bis Unverständnis. Wie haben Sie sich vorbereitet? Da es damals noch keine speziellen Ratgeberbücher für Schüleraustausche gab, habe ich, so gut es ging, versucht, Informationen über das Land und die Leute zu sammeln. Außerdem bot die Organisation spezielle Vorbereitungswochenenden an. Wie hatten Sie sich die USA vor Antritt der Reise vorgestellt? Als Jugendlicher hatte ich kaum Vorstellungen von anderen Kulturen. Die USA wurden damals jedoch wesentlich unkritischer gesehen als heute. Ich hatte sie mir etwas glamouröser vorgestellt, als sie dann waren. In Rochester, New York, wo ich hinkam, war alles eher europäisch. Auch gab es kaum offensichtlichen Rassismus, was aber auch daran lag, dass ich im Norden der USA war. Welche kulturellen Unterschiede konnten Sie feststellen? Es gab eine geringere Intellektualisierung als in Deutschland. Anstatt über politische Themen zu diskutieren, cruisten die amerikanischen Jugendlichen lieber. Sie waren weniger erwachsen als die deutschen, bekamen vieles von den Eltern abgenommen und vorgeschrieben. Paradoxerweise wirkten sie dennoch erwachsener. Für mich persönlich bedeutete dieses äußerst behütete Leben einen Rückschritt. Wie sah das Leben in Ihrer neuen Familie aus? In war in einer politisch sehr interessierten Familie untergebracht, der Vater war Juraprofessor, die Mutter Steuerberaterin. Ich hatte zwei jüngere Gastgeschwister, einen 14-jährigen Jungen und ein 16-jähriges Mädchen. Wir unternahmen viel zusammen, aber diskutierten auch viel. Es gab auch Auseinandersetzungen, für die ich bei einer weniger liberalen Familie bestimmt nach Hause geschickt worden wäre. Wie sah Ihr erster Schultag aus? Der erste Tag war etwas verwirrend, aber ich wurde sofort integriert. An meiner Schule dort, die ca. 2.000 Schüler hatte, waren häufig Gastschüler aus dem Ausland. Durch die diversen Clubs fand ich schnell Freunde, mit denen ich, wie mit meiner Gastfamilie, noch heute befreundet bin. Gab es Schwierigkeiten in der Schule? Die erwartete Lesekompetenz machte mir am Anfang Schwierigkeiten. Die Amerikaner lesen anders als die Deutschen. Sie lesen mehr, schneller, weniger tief. Wo wir in einem Halbjahr zwei Bücher lesen, lesen die Amerikaner zehn. Aber meine Gastfamilie war sehr bemüht, mir zu helfen. Was sind die größten Unterschiede zwischen dem amerikanischen und deutschen Schulsystem? Generell gefällt mir das amerikanische besser. Die Lehrer und Schüler sind begeisterter. Wer gut in der Schule ist, wird nicht gleich als Streber abgestempelt. Es gibt mehr Club-Angebote. Alle haben diese "Can Do" Einstellung, eine positivere Grundstimmung, eine engere Gemeinschaft.Negativ ist, denke ich, dass viel gelehrt wird, aber wenig umfassend. In Deutschland gefällt mir, dass es in die Tiefe geht, vernetztes Denken gelehrt und Transferwissen gefordert wird. Nicht gut ist hier die negative Einstellung und die Überlastung der Lehrer. Was waren Ihre schönsten Erlebnisse in dem Jahr iun den USA? Da gab es viele besondere Erlebnisse. Zum Beispiel, dass ein Theaterstück, dass ich geschrieben habe, in der Schule aufgeführt und mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Dass ich so viele Freunde mit gleichem Interesse hatte. Die tollen Fächer. Mein Ausflug nach New York City. Gab es nach Ihrer Rückkehr in Deutschland Probleme? Ja, denn ich hatte mich sehr verändert, mein Umfeld zu Hause nicht. Das war schwierig im Bezug auf Freundschaften und für meine Eltern. Was denken Sie, hat sich im Gegensatz zu damals in den USA geändert? Seit den Anschlägen vom elften September 2001 sind die USA auf jeden Fall engstirniger geworden, sie sind sich selbst gegenüber weniger kritisch, lassen weniger andere Meinungen zu. Es gibt keine neue McCarthy-Ära, aber doch Elemente daraus. Was gleich bleibt, ist, dass die USA noch immer die wichtigste, prägendste Nation der Welt sind, so sehr andere Kulturen im Kommen sein mögen. Man muss sich mit den USA auseinandersetzen. Was würden Sie angehenden Austauschschülern empfehlen? Natürlich mein Buch zu lesen (lacht). Sich die Organisationen genau anzuschauen und die individuell passendste auszusuchen. Sich so viele Filme wie möglich in der Originalsprache anzusehen, da die Sprache viel über eine Kultur verrät. Synchronisation nimmt viel davon. Insgesamt ist die Vorbereitung das A und O! |
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